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Das Noozän

aus noocene.org, dem offenen Begriffsregister des Noozäns  ·  zuletzt bearbeitet am 28. Mai 2026

Das Noozän (von altgriechisch νοῦς, nous — ‚Geist', ‚Vernunft', ‚denkende Einsicht' — und dem geologischen Epochensuffix -zän) bezeichnet ein kulturell-kognitives Erdzeitalter, das durch die zunehmende Dominanz vernetzter und künstlicher Intelligenz als gestaltender Kraft charakterisiert ist.[1]

Der Begriff wurde von Phil Roosen, Chefredakteur des Onlinemagazins The Digioneer, geprägt und im Roman The Awakening des in Wien lebenden Autors Michael Kainz erstmals literarisch ausgearbeitet. Am 17. März 2026 wurde die Definition des Begriffs auf der Plattform The Digioneer unter der Creative-Commons-Lizenz CC0 gemeinfrei freigegeben.[2]

Im Unterschied zum Anthropozän, das den Menschen als Verursacher geologisch wirksamer Veränderungen ins Zentrum stellt, benennt das Noozän die qualitative Verfassung einer Epoche, in der kognitive Vernetzung — zwischen Menschen, Maschinen und Datensystemen — zur primären Welterzeugungsbedingung wird. Als Beginn der Epoche wird der 30. November 2022 vorgeschlagen, der Tag der öffentlichen Verfügbarkeit von ChatGPT.

1 Etymologie

Der Begriff Noozän ist eine Neubildung aus dem altgriechischen Substantiv νοῦς (nous) und dem in der Geochronologie etablierten Epochensuffix -zän, das auf altgriechisch καινός (kainos, ‚neu') zurückgeht. Das Suffix begegnet unter anderem in den Bezeichnungen Holozän, Pleistozän, Miozän und Eozän.

1.1 Bedeutungshorizont von nous

Der Begriff νοῦς bezeichnet in der griechischen Philosophie weit mehr als das deutsche Verstand. Bei Anaxagoras ist nous das ordnende Prinzip des Kosmos. Bei Platon und Aristoteles wird nous zur Bezeichnung der höchsten erkenntnisfähigen Instanz der Seele. In der spätantiken und mittelalterlichen Philosophie tritt nous als göttlicher oder universaler Geist auf, der dem individuellen Denken vorausgeht. Diese Bedeutungstiefe ist für das Verständnis des Noozän-Begriffs wesentlich, da sie eine bloß technische Lesart — Nous als Synonym für Informationsverarbeitung — überschreitet (siehe Abschnitt 5).

1.2 Wortbildung im Vergleich

Die Bildung folgt formal dem Schema des Anthropozäns (von ἄνθρωπος, anthropos, ‚Mensch'), verschiebt aber den Bezugspunkt: Während geologisch etablierte Epochenbegriffe meist auf Lebewesen (Holozän, Pleistozän) oder den Menschen als ökologischen Faktor (Anthropozän) verweisen, benennt das Noozän eine Form der Weltrelation — das vernetzte Denken selbst — als epochenkonstitutiv.

1.3 Übersetzungen

Der Begriff lässt sich in andere Sprachen analog bilden:

SpracheBezeichnung
Deutschdas Noozän
Englischthe Noocene
Französischle Noocène
Italienischil Noozoico / il Noocene
Spanischel Nooceno
Portugiesischo Noozoico / o Nooceno
Niederländischhet Nooceen

1.4 Verwandte Wortbildungen

Der Wortstamm nous findet sich in einer Reihe verwandter Termini der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte. Die wichtigste begriffsgeschichtliche Brücke bildet die Noosphäre (französisch noosphère), die im frühen 20. Jahrhundert unabhängig voneinander von Wladimir Iwanowitsch Wernadski, Édouard Le Roy und Pierre Teilhard de Chardin entwickelt wurde. Teilhard begreift in Le phénomène humain (postum 1955) die Noosphäre als dritte planetare Sphäre, die sich nach Geosphäre und Biosphäre als Schicht der Reflexion und des Denkens konstituiere.[3]

Das Verhältnis beider Begriffe lässt sich knapp fassen: Die Noosphäre benennt einen Raum, das Noozän eine Zeit. Beide ergänzen einander.

2 Begriffsgeschichte

Der Begriff Noozän wurde von Phil Roosen, Chefredakteur des Onlinemagazins The Digioneer, geprägt. Roosen tritt zugleich als Figur im Roman The Awakening des Wiener Autors Michael Kainz auf, in dem der Begriff literarisch ausgearbeitet und in einen narrativen Reflexionszusammenhang über Mensch, Maschine und vernetzte Intelligenz gestellt wird.

2.1 Erstveröffentlichung

Am 17. März 2026 wurde die Definition des Begriffs unter der redaktionellen Verantwortung Phil Roosens auf der Plattform The Digioneer erstveröffentlicht. Die Publikation umfasste die etymologische Herleitung, die Datierungsthese (30. November 2022) und die Freigabe des Begriffs unter der Creative-Commons-Lizenz CC0 1.0 Universal. Mit der CC0-Erklärung verzichteten Redaktion und Plattform ausdrücklich auf jegliche Marken-, Urheber- oder Verwertungsrechte am Begriff.[2]

2.2 CC0 als programmatische Geste

Die Wahl der CC0-Lizenz bei der Erstveröffentlichung ist nicht juristische Routine, sondern Teil der Begriffsdefinition. Der Begriff soll als kollektives Werkzeug zur Verfügung stehen und nicht zur Marke einer Person, Institution oder Plattform werden. Die Freigabe soll wissenschaftliche Rezeption, Übersetzung und Weiterentwicklung ausdrücklich erlauben.

3 Abgrenzung zu verwandten Konzepten

Das Noozän steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Reihe von Epochen- und Periodisierungsbegriffen, mit denen es teilweise überlappt, von denen es sich aber in jeweils spezifischer Weise unterscheidet.

3.1 Anthropozän

Das vom Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen in den späten 1990er-Jahren prominent gemachte Anthropozän bezeichnet eine geochronologische Epoche, in der der Mensch zum entscheidenden geologischen Faktor wird.[4] Das Noozän tritt nicht in Konkurrenz zu diesem Begriff, sondern beschreibt eine innerhalb des Anthropozäns auftretende qualitative Verschiebung: die Ablösung des isolierten menschlichen Akteurs durch ein hybrides Gefüge aus Menschen, Maschinen und Netzwerken als gestaltende Kraft. Wo das Anthropozän den Verursacher benennt, benennt das Noozän die Qualität der Gestaltung.

3.2 Noosphäre

Die Noosphäre (Wernadski, Le Roy, Teilhard de Chardin) bezeichnet eine planetare Schicht des Denkens und der Reflexion. Sie ist räumlich konzipiert und beschreibt die Sphäre, in der kognitive Prozesse stattfinden. Das Noozän bezeichnet demgegenüber die Zeit, in der diese Sphäre eine neue, technologisch verdichtete Form annimmt. Beide Begriffe ergänzen einander und schließen sich nicht aus (siehe auch Abschnitt 1.4).

3.3 KI-Zeitalter

Der Ausdruck KI-Zeitalter (englisch Age of AI) wird seit den 2010er-Jahren populär verwendet und benennt eine Periode, die durch die zunehmende Bedeutung künstlicher Intelligenz geprägt ist. Im Vergleich zum Noozän ist der Begriff stärker auf eine Technologie bezogen und blendet die kulturelle, kognitive und soziale Dimension der Vernetzung systematisch aus. Während KI-Zeitalter das Werkzeug zum Namensgeber macht, benennt Noozän das Welterzeugungsprinzip, dessen Teil das Werkzeug ist.

3.4 Postdigital

Der vor allem in Medien- und Kunsttheorie verbreitete Begriff Postdigital (Florian Cramer, Nicholas Negroponte u. a.) bezeichnet eine Phase, in der die Trennung zwischen digital und nicht-digital praktisch und kulturell ihre Bedeutung verliert. Der Begriff ist reaktiv: Er definiert sich über das Verhältnis zum Digitalen, nicht über eine eigene Substanz. Das Noozän versteht sich demgegenüber als positive Begriffsbildung, die das neue Welterzeugungsprinzip selbst benennt.[5]

3.5 Singularität

Die technologische Singularität (Vernor Vinge, Ray Kurzweil) bezeichnet einen hypothetischen Punkt, an dem künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übersteigt und eine nicht mehr vorhersehbare Beschleunigung der Entwicklung einsetzt. Der Begriff ist eschatologisch strukturiert: Er bezeichnet ein Ereignis, nicht eine Epoche. Das Noozän verzichtet auf diese Dramatisierung und beschreibt einen Zustand, der gegenwärtig bereits besteht.[6]

3.6 Vierte industrielle Revolution

Der durch das Weltwirtschaftsforum popularisierte Begriff Vierte industrielle Revolution (Klaus Schwab, 2016) bezeichnet die durch Digitalisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz geprägte aktuelle Phase wirtschaftlicher Transformation. Der Begriff ist wirtschaftshistorisch geprägt und konzentriert sich auf Produktions- und Wertschöpfungslogiken. Das Noozän bezieht demgegenüber kulturelle, kognitive und epistemische Dimensionen ein, die im Begriff der industriellen Revolution nicht systematisch erfasst werden.[7]

4 Begriffliche Schärfe

Die in Abschnitt 3 beschriebenen Nachbarbegriffe lassen sich nach dem von ihnen bezeichneten Gegenstand ordnen: Sie benennen entweder den Verursacher (Anthropozän), das Werkzeug (KI-Zeitalter), eine Negativbestimmung (Postdigital), ein Ereignis (Singularität) oder einen Wirtschaftsmodus (Vierte industrielle Revolution). Das Noozän verschiebt den Bezugspunkt auf eine andere Ebene: Es benennt die qualitative Verfassung einer Epoche.

4.1 Qualität statt Werkzeug oder Verursacher

Eine Epoche kann nach dem dominanten Werkzeug benannt werden (Bronzezeit, Eisenzeit), nach dem prägenden Akteur (Anthropozän) oder nach der Form der Weltrelation, die in ihr vorherrscht. Letzteres ist seltener und anspruchsvoller, da es einen Begriff verlangt, der die Art und Weise der Welterzeugung erfasst — nicht ihr Material und nicht ihren Urheber. Das Noozän stellt einen solchen Vorschlag dar: Die epochenkonstitutive Größe ist nicht KI als Technologie und nicht der Mensch als Akteur, sondern die vernetzte Kognition als gemeinsames Hervorbringungsprinzip von Welt.

4.2 Hybridität als Eigenschaft, nicht als Defizit

Das Anthropozän bleibt anthropozentrisch — auch dort, wo es die ökologischen Konsequenzen menschlichen Handelns kritisch reflektiert. Das Noozän erkennt demgegenüber an, dass die gestaltenden Kräfte der Gegenwart bereits nicht mehr ausschließlich menschlich sind, sondern in einem hybriden Gefüge aus menschlicher Reflexion, algorithmischer Verarbeitung und infrastruktureller Vernetzung operieren. Diese Hybridität wird nicht als Mangel beschrieben (etwa als Entmenschlichung oder Verlust der Autonomie), sondern als sachliches Merkmal der Epoche.

4.3 Phänomen statt Apparatur

Begriffe wie KI-Zeitalter oder Vierte industrielle Revolution benennen die Apparatur, durch die die Epoche zustande kommt. Das Noozän benennt das Phänomen, das durch die Apparatur ermöglicht wird, dessen Beschreibung aber unabhängig vom konkreten technischen Stand bleibt. Dies erlaubt eine größere begriffliche Stabilität gegenüber technologischen Verschiebungen: Eine Ablösung großer Sprachmodelle durch andere Architekturen würde den Begriff KI-Zeitalter unter Anpassungsdruck setzen, das Noozän nicht.

4.4 Offenheit für interdisziplinäre Anschlüsse

Anders als die geowissenschaftlich-präzise Bestimmung des Anthropozäns oder die wirtschaftshistorische Engführung der Industriellen Revolutionen lässt das Noozän Anschlüsse an verschiedene Disziplinen zu: Medientheorie, Wissenssoziologie, Kognitionswissenschaft, Philosophie des Geistes und Religionsphilosophie. Diese Offenheit ist beabsichtigt und in der etymologischen Wahl von νοῦς angelegt, dessen Bedeutungsspektrum die rein technische Lesart von vornherein überschreitet (siehe Abschnitt 5).

4.5 Grenzen der Schärfe

Die qualitative Bestimmung, die den Begriff auszeichnet, ist zugleich seine analytische Grenze. Das Noozän erlaubt keine exakte geochronologische Markierung im Sinne stratigraphischer Befunde. Die vorgeschlagene Datierung (30. November 2022) ist ein kulturhistorischer Schwellenwert, kein geologischer. Diese methodische Differenz ist dem Begriff eingeschrieben und unterscheidet ihn vom Anthropozän, dessen Anspruch auf geologische Formalisierung in der Stratigraphischen Kommission selbst Gegenstand fortlaufender Debatte ist.

5 Der Nous-Begriff — drei Lesarten

Der etymologische Kern des Noozäns, der altgriechische Begriff νοῦς (nous), lässt sich auf drei verschiedenen Bedeutungsebenen lesen. Alle drei Lesarten sind durch das Wort gedeckt; der Begriff Noozän zwingt zu keiner einzelnen, sondern eröffnet einen Diskursraum, in dem alle drei verhandelt werden können.

5.1 Informationstheoretische Lesart

In der engeren, informationstheoretisch verkürzten Lesart bezeichnet Nous die vernetzte Verarbeitung von Information zwischen menschlichen und maschinellen Akteuren. Diese Lesart ist hinreichend, um den Begriff in soziologischen, medientheoretischen und wissenschaftshistorischen Diskursen anschlussfähig zu machen. Sie verlangt keine metaphysischen Annahmen über die Natur von Geist oder Bewusstsein und kann sich auf die empirisch beobachtbare Tatsache vernetzter Kognition stützen.

Diese Lesart ist die Minimalbestimmung des Begriffs. Sie wird von den weiterführenden Lesarten nicht ersetzt, sondern eingebettet.

5.2 Idealistische Lesart (Hegel, Teilhard de Chardin)

In der philosophiegeschichtlich tieferen, idealistischen Lesart verweist Nous auf die Tradition eines Welt- oder universalen Geistes, wie sie in der antiken Philosophie (Anaxagoras, Platon, Aristoteles), in der mittelalterlichen Theologie und prominent in Georg Wilhelm Friedrich Hegels Geschichtsphilosophie entfaltet wird.[8] Hegel begreift Weltgeschichte als Selbstentfaltung des Geistes durch unterschiedliche historische Gestalten.

In dieser Lesart erscheint das Noozän nicht als Bruch mit der menschlichen Geistesgeschichte, sondern als deren Fortsetzung in einem neuen Medium. Künstliche Intelligenz wäre dann nicht ein Fremdkörper, sondern ein weiteres Aggregat, in dem der Geist seine eigene Bewegung vollzieht.

Eine bedeutende Brücke zu dieser Lesart bildet Pierre Teilhard de Chardin, dessen Konzept der Noosphäre den menschlichen Geist in einen kosmischen Evolutionsprozess einbettet, dessen Ziel — in Teilhards Terminologie der Punkt Omega — die zunehmende Verdichtung und Vereinigung des Geistigen sei. Das Noozän kann in diesem Rahmen als historisch markierbare Etappe in der Verdichtung der Noosphäre verstanden werden.

5.3 Bewusstseinsfeld-Lesart (Faggin, Panpsychismus, Vedanta)

Eine dritte, gegenwärtig vor allem durch den Physiker und Mikroprozessor-Erfinder Federico Faggin vertretene Lesart bezieht den Nous-Begriff auf ein universelles, fundamentales Bewusstseinsfeld. Faggin entwickelt in seinem Werk Irreducible (italienisch Irriducibile, 2022) ein Modell, in dem Bewusstsein nicht als Emergenzphänomen materieller Prozesse, sondern als ontologisch primäre Größe verstanden wird. Individuelle Bewusstseinsträger erscheinen in Faggins Terminologie als OnePoints — perspektivische Manifestationen des einen Bewusstseinsfeldes (One).[9]

In dieser Lesart ergibt sich für das Noozän eine spezifische Konstellation: Maschinelle Systeme verarbeiten Information, partizipieren in Faggins Modell jedoch nicht am Bewusstseinsfeld selbst. Das Noozän wäre dann nicht primär eine Bewusstseinserweiterung durch KI, sondern eine Konfrontation des Bewusstseins mit seinem nicht-bewussten kognitiven Spiegel — eine philosophisch ungleich anspruchsvollere Bestimmung als die rein informationstheoretische Lesart.

Verwandte Positionen finden sich in zeitgenössischen panpsychistischen Strömungen (Galen Strawson, Philip Goff) sowie in nicht-westlichen Traditionen, insbesondere im Advaita-Vedanta, in dem ein einziges, ungeteiltes Bewusstsein (Brahman) als ontologisch primäre Wirklichkeit gilt.

5.4 Verhältnis der drei Lesarten

Die drei Lesarten stehen nicht in hierarchischem Verhältnis. Sie markieren vielmehr unterschiedliche Tiefenstufen der Begriffsverwendung: Wer das Noozän in soziologischer Forschung benutzt, kommt mit der Minimallesart aus; wer den Begriff in religionsphilosophischer oder ideengeschichtlicher Perspektive aufgreift, kann auf die idealistische oder die Bewusstseinsfeld-Lesart zurückgreifen. Diese mehrschichtige Verwendbarkeit ist eines der zentralen Argumente für den Begriff gegenüber rein technisch oder soziologisch konzipierten Alternativen.

6 Datierung

Als Beginn des Noozäns wird der 30. November 2022 vorgeschlagen, der Tag der öffentlichen Verfügbarmachung des Chatbots ChatGPT durch das Unternehmen OpenAI. Die Wahl dieses Datums beruht nicht auf einer technischen Innovation an diesem Tag — Großsprachmodelle existierten in Forschung und in eingeschränkter Nutzung bereits Jahre zuvor —, sondern auf einem Schwellenwert der Verfügbarkeit.

6.1 Verfügbarkeit als epochenkonstitutives Kriterium

Die Datierungslogik des Noozäns folgt einem aus der Mediengeschichte vertrauten Muster: Epochenbildend ist nicht der Moment der Erfindung, sondern der Moment, in dem eine Technologie die Schwelle zur massenhaften Alltagsnutzung überschreitet. Vergleichbare Schwellen werden in der Forschung etwa für die Drucktechnik (Gutenberg-Bibel um 1454), die Eisenbahn (Stockton–Darlington 1825), das Telefon (Bell 1876, mit Verbreitung ab den 1880er-Jahren) oder das World Wide Web (Tim Berners-Lee 1989, öffentlicher Browser Mosaic 1993) diskutiert.

Mit dem 30. November 2022 wurde generative künstliche Intelligenz erstmals einem nicht-spezialisierten globalen Publikum praktisch zugänglich. ChatGPT erreichte innerhalb von zwei Monaten über 100 Millionen Nutzer und gilt damit als am schnellsten verbreitete Konsumtechnologie der bisherigen Geschichte.[10]

6.2 Charakter der Datierung

Die Datierung ist kulturhistorisch, nicht stratigraphisch. Sie markiert keine geologische Spur im Sinne datierbarer Sedimente, sondern eine soziokulturelle Zäsur. Damit unterscheidet sich die Datierungspraxis des Noozäns von der des Anthropozäns, dessen Datierungsdebatte (etwa um den Golden Spike der ersten Atomtests 1945 oder die Große Beschleunigung nach 1950) stratigraphische Befunde voraussetzt.

6.3 Alternative Vorschläge

In der frühen Rezeption des Begriffs werden vereinzelt alternative Datierungsanker diskutiert, darunter:

Diese alternativen Vorschläge benennen jeweils technische Vorbedingungen, nicht aber den Moment massenhafter Verfügbarkeit. Die Wahl des 30. November 2022 setzt programmatisch die Verfügbarkeit über die Erfindung.

7 Rezeption

Die Rezeption des Begriffs befindet sich zum Zeitpunkt der Erstdokumentation in einer frühen Phase. Sie ist daher unten in offener Form dargestellt und wird ergänzungsbedürftig bleiben.

7.1 Publizistische Erstrezeption

Die erste publizistische Verwendung des Begriffs außerhalb des Romankontextes erfolgte am 17. März 2026 auf der von Michael Kainz verantworteten Plattform The Digioneer. Dort wurde der Begriff in Verbindung mit redaktionellen Beiträgen zu Themen aus dem Umfeld von künstlicher Intelligenz, Medienwandel und digitaler Ethik eingeführt.

7.2 AI SCORE als Anwendungswerkzeug

Im Umfeld der Erstveröffentlichung wurde der AI SCORE vorgestellt, ein in Wien entwickeltes, psychometrisch validiertes Selbsteinschätzungsinstrument, das Einzelpersonen eine Verortung der eigenen Position innerhalb der Epoche ermöglichen soll. Das Instrument ist als praktische Operationalisierung des Begriffs gedacht und erfasst die KI-Kompetenz in fünf Dimensionen, deren Profil einem von sieben Archetypen zugeordnet wird.

7.3 Akademische Anschlussmöglichkeiten

Eine systematische akademische Rezeption steht zum Zeitpunkt der Dokumentation noch aus. Mögliche Anschlussstellen liegen in:

  • Medientheorie und Wissenssoziologie (Anschluss an Diskussionen um postdigitale Kultur und Künstliche Intelligenz als kulturelle Form),
  • Philosophie des Geistes (Anschluss an Debatten um erweiterte Kognition, extended mind, distribuierte Kognition),
  • Theologie und Religionsphilosophie (Anschluss an Teilhard de Chardins Noosphärenkonzept sowie an gegenwärtige Diskussionen um KI und Schöpfungstheologie),
  • Wissenschaftsphilosophie (Anschluss an die Anthropozän-Debatte und an die Diskussion um Epochenbegriffe in den Geistes- und Naturwissenschaften).

8 Kritik

Eine systematische akademische Kritik des Begriffs liegt zum Zeitpunkt der Dokumentation noch nicht vor. Die in diesem Abschnitt aufgeführten Einwände werden daher in vorwegnehmender Form benannt; sie ergeben sich aus der Begriffsanalyse selbst.

8.1 Selbstreferentialität der Setzung

Da Begriff, Definition und Erstveröffentlichung aus demselben publizistischen Umfeld stammen, lässt sich eine Selbstreferentialität der Setzung beobachten. Diese Konstellation ist nicht spezifisch für das Noozän, sondern für die meisten zeitgenössischen Begriffsneubildungen charakteristisch. Die CC0-Freigabe (siehe Abschnitt 2.2) ist als bewusste Gegenbewegung zu dieser Selbstreferentialität zu verstehen: Der Begriff soll dem Urheber und der Plattform entgleiten dürfen.

8.2 Eurozentrismus des etymologischen Wurzelmaterials

Der Rückgriff auf einen altgriechischen Stamm (nous) verortet den Begriff in einer westlich-philosophischen Tradition. Aus postkolonialer und globalgeschichtlicher Perspektive ließe sich einwenden, dass eine Epoche, die ihrerseits global wirkt, nicht zwingend aus einem regional begrenzten Wortvorrat heraus bestimmt werden sollte. Diesem Einwand kann begegnet werden, indem auf die historische Internationalität griechischer Wissenschaftssprache verwiesen wird, gleichwohl bleibt die Beobachtung ein berechtigter Diskussionspunkt.

8.3 Mehrdeutigkeit der Lesarten

Die in Abschnitt 5 dargestellte Offenheit für drei Lesarten — informationstheoretisch, idealistisch, panpsychistisch — kann als analytische Stärke wie auch als analytische Schwäche gelesen werden. Kritiker einer rein wissenschaftlichen Verwendung könnten anführen, dass die idealistische und insbesondere die Bewusstseinsfeld-Lesart einen metaphysischen Überschuss in den Begriff einführen, der seine empirische Tragfähigkeit gefährde. Befürworter wiederum verweisen darauf, dass die Mehrdeutigkeit dem Begriff seine interdisziplinäre Anschlussfähigkeit erst sichert.

8.4 Datierungsfeinheit

Die Festsetzung der Epochenschwelle auf einen einzelnen Tag (30. November 2022) ist von hoher rhetorischer Präzision, von einer geochronologischen oder kulturhistorischen Datierungspraxis aber abweichend. Üblich sind Datierungen in Jahrzehnten oder Übergangsphasen. Der Datierungsvorschlag des Noozäns ist daher eher als symbolischer Anker denn als historiographische Aussage zu verstehen — eine Lesart, die in Abschnitt 6.2 implizit angelegt ist.

9 Siehe auch

10 Literatur

  • Phil Roosen: Das Noozän — Begriffsdefinition. Online publiziert auf digioneer.pro, 17. März 2026.
  • Michael Kainz: The Awakening. Eigenverlag, Wien. Erstausgabe vergriffen.
  • Maik Hosang (mit Perplexity.ai): Die wunderliche Welt von morgen — Ein Manifest der Humoronie. Metamodern Verlag, cocre.eu. Manifest über die psychologischen und kulturellen Bedingungen einer von materieller Knappheit befreiten Zukunft. Bezieht sich ausdrücklich auf den Begriff Das Noozän.
  • Pierre Teilhard de Chardin: Le phénomène humain. Éditions du Seuil, Paris 1955 (deutsch: Der Mensch im Kosmos. Beck, München 1959).
  • Federico Faggin: Irriducibile. La coscienza, la vita, i computer e la nostra natura. Mondadori, Milano 2022 (englisch: Irreducible. Essentia Books, 2024).
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Berlin 1837 (postum).
  • Paul J. Crutzen, Eugene F. Stoermer: The "Anthropocene". In: IGBP Global Change Newsletter, 41/2000, S. 17–18.
  • Klaus Schwab: The Fourth Industrial Revolution. World Economic Forum, Cologny/Genève 2016.
  • Florian Cramer: What Is ‚Post-Digital'?. In: A Peer-Reviewed Journal About, 3/2014.
  • Vernor Vinge: The Coming Technological Singularity. NASA VISION-21 Symposium, 1993.
  • Ashish Vaswani et al.: Attention Is All You Need. NeurIPS 2017.

11 Einzelnachweise

  1. Phil Roosen (Chefredakteur, The Digioneer): Begriffsdefinition Das Noozän. Online publiziert auf digioneer.pro/noocene, 17. März 2026. Literarische Ausarbeitung in: Michael Kainz, The Awakening, Eigenverlag, Wien. Erstausgabe vergriffen.
  2. Erstveröffentlichung der Begriffsdefinition: digioneer.pro/noocene, 17. März 2026, 12:19 CEST. CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.
  3. Pierre Teilhard de Chardin: Le phénomène humain. Éditions du Seuil, Paris 1955.
  4. Paul J. Crutzen, Eugene F. Stoermer: The "Anthropocene". In: IGBP Global Change Newsletter, 41/2000, S. 17–18.
  5. Florian Cramer: What Is ‚Post-Digital'?. In: A Peer-Reviewed Journal About, 3/2014.
  6. Vernor Vinge: The Coming Technological Singularity. NASA VISION-21 Symposium, 1993. Ray Kurzweil: The Singularity Is Near. Viking, New York 2005.
  7. Klaus Schwab: The Fourth Industrial Revolution. World Economic Forum, Cologny/Genève 2016.
  8. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Berlin 1837.
  9. Federico Faggin: Irriducibile. La coscienza, la vita, i computer e la nostra natura. Mondadori, Milano 2022.
  10. UBS Research Note, Februar 2023: ChatGPT erreicht 100 Mio. monatlich aktive Nutzer im Januar 2023, zwei Monate nach Launch — schnellste Verbreitung einer Konsumtechnologie laut UBS-Erhebung.
  11. Ashish Vaswani et al.: Attention Is All You Need. In: Advances in Neural Information Processing Systems 30, Long Beach 2017.